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Adventgeschichte “Der Baumstamm und das Glück” Teil 4/4

Veröffentlicht von hannes am December 15, 2011

Teil 4 – Donnerstag bis Freitag

Donnerstag – Wieder in der Spur und am Abend mit Judith in Freiburg

Am nächsten Morgen ist die oberste Hautschicht meines rechten Oberschenkels – ueinem in der beliebten Diktion der Facebooker zu sprechen – eindeutig offline und völlig taub gegen meine Berührungen. Der Schmerz hingegen hat sich dazu entschlossen, präsent zu bleiben, was er mir bei jedem Schritt mitteilt. Dank der gestrigen Begegnung gehe ich jedoch in entspannter Heiterkeit zum Frühstück Als ich Judith bei unserer ersten Einheit davon erzähle und schlussfolgere, dass sich die Frage der Motivation damit wohl erledigt habe, freut sie sich mit mir und meint: „Manchmal fällt es schwer, die eigenen Erfolge anzuerkennen. Dann sind solche Erlebnisse umso schöner.“ Sie erkundigt sich nach meinem Befinden wie immer am Morgen, tut das Taubheitsgefühl mit einer Handbewegung ab („Das vergeht in ein paar Tagen.“) und beginnt mit der Behandlung. Tatsächlich scheint in mir ein Schalter umgelegt worden zu sein, der mich von der führerlosen Lokalbahn wieder auf die Hochleistungsstrecke katapultiert hat. Mit hoher Schlagzahl und ebensolchem Einsatz absolviere ich Einzeltherapien, Übungen am Baumstamm und die Gruppenstunde, ignoriere dabei die Schmerzen und fahre auch in der Einsamkeit des kleinen Übungsraumes die Intensität nicht herunter. Unterbrochen wird mein Elan nur durch einen kurzen Besuch bei Dr. Packi, der „ihn noch einmal sehen“ wollte. Die heutige Visite erschöpft sich in einem dreizeiligen Dialog: „Wie geht es Ihnen?“
„Mein rechter Oberschenkel brennt wie Feuer.“
„Gut! So weitermachen.“
Er dreht sich um und hat mich in der gleichen Sekunde wohl schon wieder vergessen, doch mich durchzuckt plötzlich die Erkenntnis, dass dies vermutlich meine letzte Begegnung mit diesem – trotz all seiner Verschrobenheit – genialen Mann ist. Ich kann ihm das aber nicht sagen, und weil ich für ihn ohnehin nie mehr war als eine Ganzkörperbaustelle, drängt nichts in mir zu mehr als einem schlichten „Danke.“

„Wohin gehen wir heute?“, frage ich Judith während unserer Einzelstunde am Nachmittag. Für uns beide ist es zur Tradition geworden, einen Abend während des Therapiezyklus gemeinsam zu verbringen. Bei einem gemütlichen Essen, ohne dass der nächste Termin, die nächste Behandlung schon an die Tür klopft. Diesen Ausflug genieße ich sehr, denn Judith kann wunderbar erzählen. „Der Spanier vom letzten Mal hat leider Pleite gemacht“, antwortet sie. „Aber in der Lorenz-Strauße ist es auch nett, oder?“ Strauße ist in dieser Gegend die Umschreibung für einen Buschenschank. Ich erinnere mich an gutes Essen, aber auch an die harte Holzbank, die mit dem Bett in meinem Zimmer zumindest bekannt war. Nicht die richtige Lokalität, um leise mit meinem Abschied von hier zu beginnen. „In all den Jahren war ich noch nie in Freiburg“, sage ich deshalb. „Ich würde gerne einmal durch die Altstadt gehen.“ „Klar, das machen wir!“, stimmt Judith sofort zu. „Ich schreibe dir später eine Adresse auf, wo wir uns treffen. Hast du ein Navi dabei?“ Was heißt Navi? Frau Becker, meine Denkerin und Lenkerin in allen automobil-geographischen Nöten, wäre wohl tötlich beleidigt, hätte sie diese schmähliche Verkürzung ihrer bedeutungsvollen Tätigkeit für mich mitbekommen.

Ein paar Stunden später, nach Spaziergang, Dusche und ausgehfähiger Gewandung meiner Selbst (einfach herrlich, wieder aus der Gefängniskluft vulgo Trainingsanzug herauszukommen!), tritt sie ohne Murren ihren Dienst an, um mich zu den Drei Zinnen zu leiten, eine Straße am Rand der Freiburger Altstadt. Zufrieden stelle ich fest, dass Judith als kluges Mädchen auch das Vorhandensein von für mich reservierten Parkplätzen (weißes Rollstuhlmännchen auf blauem Grund) einkalkuliert hat. Dies führt wieder einmal den Witz ad absurdum, Frauen müssten nur schön sein, nicht gescheit. Die Begründung, Männer könnten besser schauen als denken, stimmt zwar hin und wieder – das Festlegen von Prozentzahlen in dieser Frage bleibt der holden Weiblichkeit überlassen –, aber wenn ich etwas Schönes anschauen will, das keine eigene Meinung hat und nicht mit mir streitet, kaufe ich mir einen Blumenstock.

„Deine Neuigkeit vor einem Monat hat mich ziemlich geschockt“, eröffne ich das Gespräch, während wir gemächlich Seite an Seite durch die belebten Straßen spazieren. „Zum Glück nur eine Minute.“ Ich erinnere mich in aller Deutlichkeit an Judiths Ankündigung, noch in diesem Jahr ihren Job in der Klinik für Biokinematik zu kündigen. In plötzlicher Panik war mir darauf nur eine ziemlich egoistische Frage in den Sinn gekommen: „Wie ist meine Versorgung gesichert?“ – „Durch mich“, hatte sie schlicht erwidert. „Ich mache mich in Bregenz selbständig.“ „Es ist der richtige Zeitpunkt, etwas Neues anzufangen“, sagt sie jetzt neben mir. „Packi wird immer cholerischer, und wenn ich noch länger warte, bin ich zu alt dafür.“ „Du hast dir viel vorgenommen: eigene Praxis, Osteopatie-Ausbildung nebenbei, Rückkehr nach Österreich …“ „Ich weiß.“
Ihr strahlendes Gesicht, als Judith mich anschaut, lässt nicht den geringsten Zweifel aufkommen. Schon aus der Überzeugung, das Richtige zu tun, zieht sie so viel Energie, dass keine Angst vor dem Scheitern es wagen wird, sich ihr entgegenzustellen. Auch bei den Zutaten Fleiß, Begeisterung und Optimismus schöpft sie aus dem Vollen. „Ich freue mich sehr für dich“, sage ich und meine es auch so, obwohl ich die zarte Wehmut, dass dieser erste Gang mit Judith durch Freiburg wohl auch mein letzter sein wird, nicht ganz vertreiben kann. So viel ist mir in den vergangen sechs Jahren hier geschenkt worden: Vom Sieg über die chronischen Rückenschmerzen gleich im ersten Jahr bis hin zur Möglichkeit, dauerhaft Halbschuhe zu tragen – eine neue Lebensqualität, für die ich an jedem heißen Tag dankbar bin. Judith zeigt mir ihre Lieblingsgasse und die wunderbare Architektur der Altstadt. Wir gehen an Fachwerkhäusern und opulent gestalteten Schaufenstern vorbei. Als der Hunger und meine Müdigkeit nach den Anstrengungen des Tages drängender werden, betreten wir das Restaurant Zum Roten Bären, wo uns ein freundlicher Herr mit randloser Brille und noblen Gesten einen Tisch in der Nähe des Kachelofens zuweist. Thema des Abends bleibt Judiths neuer Arbeits- und Lebensmittelpunkt ab kommenden Frühjahr. Ich genieße die Dorade mit Blattspinat und den vorzüglichen Chardonnay ebenso wie ihre lebhafte Erzählung von den ersten Gedanken an eine Praxis am See in Bregenz. Bald wurde ein konkreter Plan daraus, und die Suche nach geeigneten Räumlichkeiten konnte beginnen. „Wenn es passt, Hannes, fügen sich die Dinge von selbst“, meint Judith zwischen zwei Tortellini. „Schon das erste Gebäude, das wir angeschaut haben, war ideal.“ Sie grinst breit. „Der Vermieter hat mich zwar wie ein kleines Kind behandelt, aber für perfekte Therapieräume lasse ich ihm das durchgehen.“ „Und wann geht es los?“ Kaum habe ich diese Frage gestellt, ist mir klar, dass sie eigentlich ohne Belang für mich ist. Einer von Judiths ersten Patienten in ihrer Praxis zu sein, ist für mich längst beschlossene Sache.
„Hoffentlich im April, spätestens aber im Mai.“

So bunt wie mein Nachtisch, ein erfrischendes Cassis-Sorbet mit Früchten, malt sie den ganzen Abend lang Bilder von den Ideen und Erwartungen für ihre Zukunft. Ich tauche ein in diesen beinah endlosen Strom guter Laune und bin aus tiefster Seele dankbar dafür, dass ich Judith begegnet bin und sie auch weiterhin ein wichtiger Teil meines Lebens bleiben wird.

Freitag – Die perfekte Kür und ein bisschen Wehmut

Ob es an der Leichtigkeit des vergangenen Abends liegt oder an der finalen Einsicht meines Körpers, dass Wille und Konsequenz am längeren Ast sitzen, bleibt an diesem Morgen eine philosophische Frage. Ich bin vollkommen ausgeruht, schmerzfrei und voller Energie. Hatte in den letzten Jahren ab der Wochenmitte meist schon die Müdigkeit dominiert und ich mich aufs Heimfahren gefreut, so kann ich es heute gar nicht erwarten, in den kleinen Übungsraum zu gehen. Am Baumstamm erwartet mich Johanna. Ich lege mich nach hinten, atme ruhig, erreiche sofort die optimale Streckung. Von oben höre ich sie bald „Ist es nicht schon genug?“ fragen, was ich mit einem nur leicht gepressten „Geht noch“ beantworte. Als ich schließlich mit ihrer Hilfe hochkomme, bin ich außer Atem, aber überglücklich – eben ist mir die perfekte Kür am Baumstamm gelungen. „So etwas habe ich noch nie gesehen“, sagt Johanna ehrlich verblüfft. „Du wickelst dich da herum, wie mancher ohne deine Spastik es niemals schaffen wird.“ „Danke ergebenst.“

„Johanna hat mir von deinem Kunststück am Baumstamm erzählt. Sie war völlig baff.“ Dieses Lob aus berufenem Mund, während Judith an den Triggerpunkten meines rechten Unterschenkels werkt, ist für mich gleichsam das offizielle Siegel auf der Anerkennungsurkunde für meine Bemühungen. Mir fällt unser Gespräch vom Mittwoch ein, und ich erkenne, wie recht sie hat: Die Meinung von Leuten, die mich nur einen Augenblick lang sehen, ist völlig belanglos. Jene von Menschen, zu denen ich in Beziehung stehe, ist der Lebenstreibstoff für Freude und Motivation. „Am Nachmittag bin ich in der Gruppenstunde“, setzt Judith fort. „Das muss ich unbedingt sehen.“ „Aber gerne.“ Ein Klacks für mich, seit ich weiß, wie mein indianischer Name lautet: Der sich um den Baumstamm wickelt.

„Kannst du die Übung nicht ein bisschen schwerer machen?“, frage ich sie ein paar Stunden später nach erfolgreicher Demonstration. Sechs Jahre Erfahrung genügen um zu wissen, dass dies zu ihren besonderen Talenten gehört. Weil Judith mich nur anschaut, als zweifle sie gerade an meinem Geisteszustand, mache ich gleich selbst einen Vorschlag: „Was passiert zum Beispiel, wenn ich in Rückenlage auch noch die Arme nach hinten nehme? Das müsste die Spannung noch weiter erhöhen.“ „Natürlich gibt es eine Steigerung, aber bevor wir die versuchen, sind zwei Dinge wichtig: Erstens, du befolgst genau, was ich dir sage. Und zweitens, wenn du vom Baumstamm fällst, bist du selbst schuld. Ich helfe dir nicht hoch, sondern wische nur die Blutspritzer weg.“ Nach dieser anspornenden Rede, mit der Judith die Wahl zur Physiotherapeutin des Jahres quasi in der Tasche hat, gibt es kein Zurück mehr. Ich begebe mich in die Ausgangsposition, lasse den Oberkörper mit vor der Brust verschränkten Armen nach hinten sinken und warte auf ihre Anweisungen. „Jetzt nimmst du zuerst einen Arm hoch. Aber nicht ruckartig, langsam. Fahr mit der Hand am Kopf entlang nach hinten.“ Ich tue wie geheißen und lasse dann den zweiten Arm auf gleiche Weise folgen. Die Verlagerung des Schwerpunkts wirkt tatsächlich intensiver als erwartet. Schon nach ein paar Sekunden, in denen ich alles an Kraft aufbieten muss, gebe ich Judith das Zeichen zum Beenden der Übung. „War gut“, sagt sie knapp, aber anerkennend. „Ist aber ausbaufähig“, kommentiere ich, als ich wieder bei Atem und Stimme bin. „Wie alles hier. In jedem Fall war es eine hervorragende Woche für dich. Du kannst stolz sein. Ich sehe schon, wir werden eines Tages miteinander tanzen.“ Judith steht vom Baumstamm auf. „Haben wir noch Einzeltherapie?“ „In einer halben Stunde.“ „Mach Pause bis dahin.“ Sie lächelt auf mich herab. „Du neigst zur Übertreibung, wenn ich dich zu sehr lobe.“

„Warum so still?“, fragt Judith, während sie mit routinierten Bewegungen meinen rechten Psoas Major, einen wichtigen Hüftgelenksmuskel, lockert. „Fühlt sich komisch an, dass meine Zeit hier nach sechs Jahren und sieben Behandlungswochen nun zu Ende geht.“ Es überrascht mich, mit welcher Plötzlichkeit eine fast nostalgische Wehmut über mich kommt. „Manche Dinge werden mir abgehen, etwa die vielen interessanten Menschen, die ich hier getroffen habe.“ „Naja, zwei davon bleiben dir erhalten.“ „Es wird etwas völlig Neues sein“, erwidere ich und höre selbst weniger Begeisterung in meiner Stimme als erhofft. „Ich bin sicher, ihr werdet Erfolg haben.“ „Du kommst zur Eröffnungsfeier?“ „Ehrensache.“ Die Therapie ist zu Ende, Judith macht den letzten Eintrag in meinem Patientenakt. Diese Momente des Abschieds habe ich nie gemocht, aber heute schmerzt es mich, Lebewohl zu sagen, ohne dass ich den Grund dafür benennen könnte. Judiths Lächeln macht es mir leichter. „Wir sehen uns in Bregenz“, sagt sie und umarmt mich. Ich erwidere diese Geste dankbar und voll Zuneigung. „Fahr vorsichtig morgen.“ „Das werde ich.“ In der Vergangenheit war es üblich, dass ich die Behandlungen am Samstag Vormittag noch mitnahm und dann auf der Heimreise übernachtete. Diesmal hatte ich jedoch eine Patientin, die unweit von mir wohnt, zur Mitfahrt eingeladen und würde deshalb Bad Krozingen morgen gleich nach dem Frühstück verlassen. „Mach’s gut“, sagt Judith an der Tür noch, dann ist sie unterwegs zur letzten Einheit des Tages. Ein wenig verloren bleibe ich in dem kleinen Behandlungsraum sitzen, das ich wohl nie mehr betreten werde. Erst nach einigen Minuten raffe ich mich auf und schnüre meine Schuhe, um in meinem Zimmer 27 ein letztes Mal meine Sachen zu packen.

In dieser Nacht kann ich lange nicht einschlafen. Meine Gedanken führen von meiner heutigen Galavorstellung am Baumstamm zu jenem Tag, als ich zum ersten Mal darauf saß und es für schlicht unmöglich hielt, die von Judith gewünschte Übung auszuführen. Und dann noch weiter zurück, als ich von der Existenz der Klinik für Biokinematik erfuhr. Renate, seit zwanzig Jahren eine Seelenverwandte und Mutter meines besten Freundes Martin, hatte im Spätherbst 2005 Probleme mit ihrer linken Schulter. Als sie einem befreundeten Münchner Arzt davon erzählte, riet dieser, sie solle sich bei Fortdauer der Schmerzen an Dr. Walter Packi in der Nähe von Freiburg wenden: „Das ist ein Verrückter, aber er kann Ihnen helfen.“ Noch am gleichen Abend meldete sich Renate bei mir und sagte: „Schau dir die Homepage dieser Klinik an. Das könnte etwas für dich sein.“ Als ich am nächsten Tag dort anrief, wurde ich mit der Leitenden Physiotherapeutin Judith Köck verbunden. Ich erläuterte ihr meine Grunderkrankung und die Rückenprobleme in der Erwartung, zur Untersuchung eingeladen zu werden. Klar, ich fahre 600 Kilometer um zu hören, dass sie mir nicht helfen kann, und wieder 600 Kilometer retour. Der in makellosem Hochdeutsch geäußerte Kommentar der Frau lautete indes völlig anders. „Ich sage Ihnen jetzt eine Übung an, Herr Glanz. Die machen Sie zuhause. Wenn sie gelingt, ist Ihr Besuch bei uns sinnvoll. Dann rufen Sie mich morgen noch einmal an.“ Der Versuch war erfolgreich, und bei unserem zweiten Telefonat sagte sie nur: „Sie können jederzeit herkommen. Es genügt, wenn Sie sich eine Woche vorher anmelden.“ Schneefall wollte ich auf einer so langen Autofahrt nicht riskieren, also wartete ich bis zum Frühling des nächsten Jahres. Im April 2006 machte ich schließlich die Bekanntschaften mit Judith, einem Verrückten und dem Baumstamm.

Wir alle werden von Zeit zu Zeit über den Baumstamm gelegt und spüren Schmerzen dabei. Entscheidend ist aber das Glück, welches wir nach dem Aufrichten empfinden – wir sind größer, stärker und lebendiger als zuvor.

*ENDE*

Hannes Glanz, 38, lebt von Geburt an mit spastischer Diplegie (ICP). Er arbeitet bei Winkhaus Austria und ist Schriftsteller. Der Link zum Shop wo man auch seine Bücher erwerben kann: www.hannes-glanz.com.

 

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