Gefördert vom Bundessozialamt
Trotz Behinderung in die Vorstandsetage. Lebenshilfe beschloss Neuerung
Nürnberg - Es ist eine kleine Revolution in der Behindertenarbeit: Bei der Nürnberger Lebenshilfe arbeiten ab 2011 erstmals geistig behinderte Menschen als Vereinsvorstände mit. Die 1961 von Eltern behinderter Kinder gegründete Nürnberger Lebenshilfe hat 650 Mitglieder und betreut rund 1000 meist geistig behinderte Menschen jeden Alters in Wohn-, Arbeits- und Fördereinrichtungen.
Nach heftiger Diskussion hat nun die Mitgliederversammlung des Vereins mit 80-prozentiger Mehrheit eine lange geplante Satzungsänderung beschlossen: Künftig werden in den neunköpfigen Vorstand der Lebenshilfe mindestens drei Behinderte gewählt. Mit den gleichen Rechten und Pflichten ausgestattet, entscheiden sie über Personal, Finanzen und Vereinsziele mit. Sie gelten dabei als voll geschäftsfähig, auch wenn sie einen Betreuer haben.
Unter den übrigen sechs Vorstandsmitgliedern sind mindestens vier Elternvertreter. Bisher bestand der Vorstand aus fünf Eltern und zwei externen Mitgliedern. Die nächste Vorstandswahl findet im Sommer 2011 statt.
Solche Gleichberechtigung Behinderter ist in Deutschland noch selten. Der Lebenshilfe-Bundesverband und der Landesverband Baden-Württemberg arbeiten bereits erfolgreich mit behinderten Vorstandsmitgliedern, die durchaus auch in der Praxis Anliegen der Betroffenen durchsetzen. Doch in Bayern sei Nürnberg der erste Lebenshilfe-Ortsverein, der sich auf diese Weise reformiert, bemerkt der Vorstandsvorsitzende Horst Schmidbauer. Er versteht die Entscheidung als „Frage der Glaubwürdigkeit“. „Wenn wir von der Gesellschaft und Politik etwas fordern, müssen wir selbst vorbildlich sein.“ Seit 2009 gilt in Deutschland eine UN-Konvention, die Behinderten mehr Rechte durch „soziale Inklusion“ verspricht.
Für die monatlichen Vorstandssitzungen der Lebenshilfe werde dies künftig Mehrarbeit bedeuten, sagt Schmidbauer. „In der Geschwindigkeit, in der Sprache und in der Gründlichkeit wird es anders zugehen.“ Um Bedenken gegen die Gremienarbeit mit Behinderten auszuräumen, hat sich die Vereinsverwaltung vom baden-württembergischen Lebenshilfe-Vorsitzenden Ulrich Bauder beraten lassen. „Wir achten sehr korrekt darauf, einfach zu formulieren und die Sitzungen nicht zu überfrachten“, erklärt dieser beispielsweise. „Das hat eine Qualitätsverbesserung ergeben, die allen genutzt hat.“ Allerdings sei viel Überzeugungsarbeit nötig gewesen, gerade in der Elternschaft.
Die Wohnheim- und Werkstattbeiräte in Nürnberg werden Kandidaten für die neuen Posten empfehlen. Behinderte Menschen hätten ein feines Gespür dafür, wer aus ihren Reihen für Aufgaben geeignet sei, sagt Schmidbauer. Auf Wunsch kann sich der Gewählte einen nichtbehinderten Assistenten für seine Vorstandsarbeit zur Seite stellen lassen.
(Quelle/Source: http://www.nordbayern.de/nuernberger-zeitung/nuernberg-region/trotz-behinderung-in-die-vorstandsetage-1.256246)